Peter Herbstreuth/Berlin

"Ein Feld von Anspielungen"
Eröffnungsrede zur Ausstellung "Ramoons" Intergalerie Potsdam 

3.12.2005

 

Man kann schnell eine Einstellung zu diesen Bildern entwickeln und seine jeweils eigenen Vorstellungen und Erinnerungen an diese sehr nahen Blicke auf Details von Körpern und Fragmente von Landschaften herstellen. Sofort hat man Assoziationen im Kopf. Man sieht Organisches in seiner Blüte: Haut, Haare, Gräser, Gewebe. Im wirklichen Leben wird alles zerfallen, aber nicht in den Bildern. Die Haare sind gesund bis in die Spitzen. Die Gräser stehen hoch. Die Gewebe lassen auf einen funktionierenden Organismus schließen. Die ersten Blicke vermitteln den Eindruck von Kraft und Stärke.

 

Dennoch gipfelte alles, was über die Bilder und Objekte von Susanne Ramolla bislang gesagt worden ist, in der Pointe, dass die Rezensenten und Katalogautoren nicht benennen wollten oder mit Grund nicht benennen konnten, welche Kraft von den Bildern ausgeht und welche Bedeutungen sie erzeugen.

Woran liegt das? Das liegt daran, dass die Motive etwas anspielen, was sich dann doch nicht auf eine einzige Bedeutung festlegen lässt. Schaut man länger, fängt man zu zögern an - von Haut, von Haaren, von Gräsern, von Geweben zu sprechen, weil diese Bestimmungen so vieles verschweigen, was man in den Bildern jenseits der gegenständlichen Festlegungen gleichzeitig auch noch sieht.

 

Susanne Ramolla selbst behilft sich mit dem übergeordneten Begriff ‚Strukturbilder‘ oder gibt den Werkserien Titel, die weniger eingrenzend und definitorisch als öffnend sind:

Feldforschung Netzstrukturen Vom Fallen und Schweben Rückblende Schwebewesen

 

Dazu kommt einem Vieles in den Sinn: Vages, nichts Starres, gar Feststellendes. Und es ist ihre Kunst der anhaltenden Anspielung, die den Werken ihre Besonderheit verleiht. Ihre Kunst erzeugt erst, was sie darstellt. Sie ist nicht darauf aus, möglichst wirklichkeitsgetreue Abbildungen von Haut, Haaren, Gräsern und Geweben zu geben (obschon sie das gerade bei den Fotografien mit blendender Scharfeinstellung tut). Sie ist vielmehr darauf aus, ein möglichst hohes Anspielungspotenzial in den Bildern zu verdichten - so intensitätsstark, dass sich vor dem schauende Auge der Gegenstand Haar oder der Gegenstand Gras auflöst und Teil des Erinnerungs- und Vorstellungsfeldes dessen wird, der die Bilder anschaut.

 

Aus einem objektiven Tatbestand wird ein subjektiver. Und er wird es nur in dem Maße, wie es die jeweilige Wahrnehmung erlaubt. So wollen die Bilder durch Anspielungsreichtum Teil der je subjektiven Geschichte der Sinnlichkeit werden. 

 

Darin liegt ihre Wirklichkeit: ihre sinnliche Substanz (Hegel) und ihre Potenz, die den Wunsch erzeugen, Teile der Serien immer wieder zu sehen, und dies paradoxerweise gerade nicht, weil man sie versteht und erfassen kann, sondern umgekehrt, gerade weil sie stets etwas offen lassen, gerade weil sie eine Unsichtbarkeit mit sich führen, etwas Undurchschautes, eine Blindheit beim Sehen, gerade deshalb: immer wieder. 

So gesehen kann man zunächst festhalten: 

Dadurch dass die Bilder ihre Bedeutungen in die Schwebe bringen und gleichsam das bestimmende Urteil aufzuschieben versuchen, werden sie in einem Spannungsnetz gehalten, das ihre Attraktion ausmacht. 

Doch die Offenheit ist nicht beliebig - wie ein Rorschachtest. Ihre Offenheit ist gerichtet - zuerst an den Betrachter und geht ein dialogisches Bündnis ein, indem sie je verschiedenen angeeignet werden können. Man entwickelt sogleich Vorlieben. Manche Bilder - das haben Sie bereits bei sich festgestellt - werden anderen gegenüber vorgezogen, andere eher abgelehnt. Man bewegt sich in einem offenen Feld, bei dem das Unverständliche zunehmend klarer wird und gerade deshalb die Attraktion zunimmt.

 

Dabei geht es nicht um ein ins Bild eingebautes Rätsel, nicht um ein bewusst verborgenes Geheimnis, sondern um die Verfasstheit der Zeichnungen und ihrer Oberflächen selbst. Sie enthalten alles und es erübrigt sich, zu fragen, was darunter oder dahinter sein mag. Alles, was die Künstlerin zeigen wollte, ist sichtbar - auch wenn dieses Sichtbare sich nicht ohne Weiters erfassen und mit einer bestimmten Bedeutung belegen lässt.

 

Darin nähert sie sich der Kunst im Sinne Hegels, der es als MAGIE bezeichnete, alles so zu behandeln, „dass dadurch ein für sich objektloses Spiel des Scheines hervorkommt, das die äußerste verschwebende Spitze des Kolorits bildet, ein Ineinander von Färbungen, ein Scheinen von Reflexen, die in andere Scheine scheinen und so fein, so flüchtig, so seelenhaft werden, dass sie in den Bereich der Musik herüberzugehen anfangen.“ (Ästhetik III, Ffm, 1970, S. 80-81) Und solche MAGIE stellt sich ein, wenn der Kontext nicht bestimmt wird.

 

Deshalb sehen wir Blicke ins Nahe, aber keine Landschaften oder Körper. Die Haare, die Gräser, die Halme, die Gewebe erscheinen im Irgendwo. Das Weiße, das Offengelassene, das Unbestimmte wird zum zentralen, Form bestimmenden Teil vieler Bilder. Und diese blanken Stellen sind wichtig, weil sie das Auge gleichsam umkehren und den Blick des Betrachters nach Innen richten lassen. Da jeder mit eigenen Vorstellungen und mit einer eigenen Bildergalerie im Kopf an die Werke herantritt, aktivieren besonders die Auslassungen den Blick der Gedanken, befördern Vergleich mit bereits gesehenem und lassen einen auf Gedanken kommen, die man durch die Bilder sieht, ohne dass man mit dem Finger darauf zeigen könnte. Darin besteht ihre Magie. Und man muss die Möglichkeit und Potenzialität dessen, was die Bilder zu sehen geben, von der Wirklichkeit und Faktizität dessen, was die Bilder auf der Oberfläche Ihres Trägers haben, trennen. Ramollas Prinzip der Anspielung und Evokation ist ein Weg, etwas zu verstehen geben, ohne es zu sagen: Gesten der Produktion, die den Eindruck wecken: die Bilder schauen mich an, sie sprechen zu mir, ohne es hinauszuposaunen. 

 

Dazu trägt sowohl die Verwandlung der optischen Wahrnehmung in eine mentale bei, wie auch die Verlängerung der optischen Wahrnehmung in eine haptische, taktile, materiale. Dieser haptische Raum ist prekär. Er ist sehr nah an der Intimität und belebt - wie man hier sehen kann - ganz offensichtlich die atmosphärische Substanz der nahansichtigen Fragmente von Körpern im Raum. 

 

Sehen, so meinte Aristoteles, heißt, eine Veränderung hervorzurufen, eine Bewegung hervorzubringen, bei der das Subjekt tatsächlich am gleichen Ort bleibt, aber potentiell schon auf ein anderswo konzentriert ist. Sehen, obschon ein Akt des Abstands, enthalte die Bewegung, die sich auslösen würde, wenn es darum ginge, etwas zu berühren. Und das ist trifft bei den meisten Werken von Ramolla zu: Sie nähren die Neigung, zu den Bildern mit der Hand körperlichen Kontakt aufzunehmen.

 

Das tut man üblicherweise nicht. Aber der Impuls, es zu wollen, entspringt der Besonderheit, die sich der sorgfältigen Behandlung der Motivschnitte verdankt. Wilhelm Worringer hatte die von Aristoteles eröffnete Beziehung zwischen optisch und haptisch weitergeführt und sie auf abstrakte Linien bezogen. Das Abstrakte - beispielsweise mehrere vertikale Linien nebeneinander mit einem am oberen Ende - gewinnt einen Ausdruckswert und suggeriert einen Gegenstandsbezug (zu Gräsern), die für sich genommen anorganisch bleiben (Graphitlinien), aber Organisches, Lebendiges, Körperliches evozieren.

 

Nur eine Linie, die nichts eingrenzt, die keinen Umriss zieht, die nicht mehr von einem Punkt zum anderen geht, sondern zwischen den Punkten verläuft, die unaufhörlich von der Horizontalen und Vertikalen abweicht, und sich ständig von der Diagonalen löst, in dem sie unaufhörlich die Richtung wechselt - diese mutierende Linie ohne Außen und Innen, ohne Form und Hintergrund, ohne Anfang und Ende, eine solche Linie, die ebenso lebendig erscheint wie eine kontinuierliche Variation, wäre wahrhaft eine freifigurative Linie oder wie Worringer sagte, abstrakte Linie. 

 

Diese Linie gibt es so rein nicht bei Susanne Ramolla. Denn es ist gerade die assoziationsreiche Anspielung, auf die sie aus ist und die es erlaubt, zu ihren Bilder eine Verbindung aufzunehmen, ohne dass man zunächst wüsste, was sie zu zugänglich macht.

 

Bleibt man bei der analytischen Betrachtung, so könnte man auch von einer ANALOGIE zwischen HAAREN und LINIEN, GEWEBE und FILZ sprechen, vom Geordneten und Ungeordneten, vom Überlagerten und vom Ineinander, vom Überkreuzen und vom Nebeneinander, vom Rauen und vom Glatten dieser allesamt geschmeidigen Festkörper.

 

Doch Ramollas bildnerisches Werk bleibt beim Körper. Sie fragt; was sehe ich?, was fühle und was spüre ich, wenn ich sehe? – und gibt diese Fragen als Erfahrungsmöglichkeit weiter.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Arno Neumann/Potsdam 

"Traumhafte Räume im Geflecht" - Ausstellung "Ramoons" Intergalerie Potsdam 

9.12.2005

 

Bei Beuys war es der Filz, bei Susanne Ramolla ist es das Haar. Allerdings mit einem Unterschied: Bei Beuys war es Material zur Sinngebung, bei Susanne Ramolla ist es schlüssiges Fundstück im Prozess intensiver Auseinandersetzung mit den grafischen Mitteln, allen voran der Linie. Die Faszination der Linie scheint bei ihr auf ein Jugendtrauma, von dem es sich zu befreien gilt, zurückzugehen, auf ihre Ausbildung und Arbeit als Bauzeichnerin. Je präziser, je gleichmäßiger, je unpersönlicher die Linie, umso besser das Ergebnis. Dieser ausweglosen Disziplinierung ist sie, befördert durch mehrfaches künstlerisches Studium, entflohen.

 

Ihre gegenwärtige Arbeit insbesondere als Grafikerin ist eine im Format geradezu ausschweifende Auseinandersetzung mit der Linie. Im Großformat entstanden Arbeiten mit senkrecht geführtem, dichtem linearem Gefüge, Rasenstücken gleich, gearbeitet mit Kugelschreiber.

 

In der Inter-Galerie überzeugt Susanne Ramolla mit zwei die Ausstellungsräume prägenden und wandfüllenden Arbeiten. Sie ist übrigens die erste Potsdamer Künstlerin, die Kurator Erik Bruinenberg in der Galerie vorstellt. Aus den senkrecht variierten Linien ist lineares Geflecht geworden. Sie stricke ihre Grafiken, erklärt sie. Es entsteht ein organisch anmutendes Geflecht, das sich gleich Nervenknoten an kompositorisch gewichtigen Stellen zu Punkten verdichtet. Der Ausstellungstitel „Ramoons" als Verbindung ihres Familiennamens mit dem Wort „Kokon" ist von diesen gestrickten Arbeiten abgeleitet. „Man muss das, was man machen will, im Kopf reifen lassen. Irgendwann sieht man geistig vor sich, wohin es gehen soll. Man beginnt, und das Bild webt sich auf dem Papier fort. Es ist ein befreiend meditatives Arbeiten." Der Betrachter erkennt die Ansätze und sieht, wie im Prozess der Arbeit dieses grafische Geflecht seine Eigengesetzlichkeit entwickelt, es gerät – wie bei der in Rottönen gehaltenen Arbeit – in den Sog einer Diagonalen, es fasert aus, bildet Fahnen, tritt in Spannung zum Bildgrund.

 

Im Geflecht entstehen traumhafte Räume, in denen man sich aufgehoben fühlt. Das Ganze ist in seiner Größe beeindruckend, gleichermaßen aber eine Freude am gekonnt gebändigten Chaos im Detail. Diese Groß-Grafiken, alle mit Kugelschreibern gemacht, sensibilisieren die Sinne für grafische Werte. Sie wirken für sich selbst, dienen nicht der Umschreibung figurativer Formen. „Ich versuche, die Bildobjekte so offen wie möglich zu halten", betont Susanne Ramolla.

 

Bei einem derartigen Ausreizen linearer Mittel und Möglichkeiten ist der Weg zu Haaren als künstlerischer Inspiration nicht weit. Susanne Ramolla hat mit der Fotografie die Intimität und faszinierende Zufälligkeit wie auch die darin aufgehobene Ordnung von Haarfeldern und Haarstrukturen entdeckt. Sie zeichnet mit dem Fotoapparat ihre Bilder, mit dem Unterschied, dass die originalen Grafiken weitaus lebendiger, persönlicher und dabei artifiziell höchst genussreich sind.

 

 

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Lore Bardens/Potsdam 

Auszug aus dem Rezensionsartikel zur Gemeinschaftsausstellung "Kunstpfad" mit Chris Hinze 

20.11.2004

 

... Während man Hinzes Holz-und Bronzeskulpturen sowie seinen Malereien noch deutlich die Nähe zum Cottbuser Kunstmatador Hans Scheuerecker ansieht, hat sich Susanne Ramolla auf eine ganz individuelle Reise begeben. Ihre minimalistischen Zeichnungen und Grafiken beleuchten in unendlicher Hingabe und Vergrößerung menschliche Körperlinien und entwerfen solcherart neue Perspektiven auf das unbekannte menschliche Universum. Wie Baudelaire scheint sie in ihren kleinformatigen, in Wiepersdorf entstandenen Zeichnungen mit Kugelschreiber oder Buntstiften auf Papier, die sie "Haarlinien" nennt, auszurufen:" Wenn du wüßtest, was ich sehe! was ich rieche! Was ich in deinen Haaren höre. Meine Seele reist in deinem Parfüm wie andere in der Musik." Ein poetischer Reigen der Intimität, der ganz ohne Voyerismus auskommt, ist es, was Ramolla sensibel, geduldig und mit großer Lust am Experiment und einem ungeheuer ästhetischen Feingefühl entwickelt hat.