AUSSTELLUNG IM KUNSTRAUM POTSDAM

Sehnsuchen

von Andrea Lütkewitz

 

 

Die Arbeiten von Alex Lebus und Susanne Ramolla im Kunstraum Potsdam begeben sich auf Heimatsuche – auf sehr unterschiedliche Weisen.

Brücken über Flüsse und Seen sind vor allem Übergänge, verbinden einen Ort mit dem anderen. Doch auf ihnen stehen bleibt der, der innehalten, genauer hinsehen will: was die Wasseroberfläche reflektiert, was darunter liegt. Ein Sog kann das sein, der jeweiligen Resonanz nachzuspüren, sich vielleicht gar fallenzulassen.

Der Blick über die Balustrade im Obergeschoss des Kunstraum Potsdam ist ab heute, wenn die Ausstellung „Paare und Passanten“ eröffnet, auch solch ein Platz. Die in Berlin lebende bildende Künstlerin Alex Lebus hat den lichtdurchflutetsten Raum im Gebäude mit Blick zur Straße mit 20 unterschiedlich großen Spiegeln ausgelegt. Deren viele Reflektionen kommen mal einem Wellengang, mal Eisschollen auf dem Meer, dann wieder einem Abgrund gleich. „Heimweh“ ist auf den Spiegeln zu lesen, ein Wort, das aus den von hinten ausgekratzten Flächen entsteht. „Sehnsuchen“ nennt sie das – der Künstler sei eben immer auf der Suche nach einem Zuhause, sagt Lebus. Vor Kurzem erst hatte sie wieder Hermann Hesses „Steppenwolf“ in den Händen. Danach kam ihr die Idee dazu.

 

Paare voller Licht und Schatten

Umgeben und nahezu umschwebt wird das beschichtete Glas auf dem Boden von mit Schellack oder Klavierlack gemalten Schemen, die die in Potsdam lebende und arbeitende Susanne Ramolla an den Wänden spazieren lässt. Sie nennt diese Paare „Lichtgestalten“, Sinnbilder des hellen Seins – der Liebe, der Harmonie, in unterschiedlichen Farben, die zusammenlaufen, sich vereinen, zu hellen Köpfen, glücklichen Paaren, wie sie sagt. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten, und deshalb zeigen andere Paare „Schattengänge“: Dunkles, wo das Herz sein könnte, Schweres, wo die Beine tragen. Soll sich jeder dort treffen lassen, wo er will, sagt Ramolla, viele Augen tragen viele Schmerzen hinter der Stirn.

Ganz und gar den Kopf verliert der Betrachter hingegen im von Alex Lebus zum Spiegelsaal gewachsenen Teil des Untergeschosses. Hier hängen schmale und sehr zerbrechlich wirkende Spiegel, die an Garderoben in Hausfluren erinnern. Vielleicht hingen sie dort sogar einmal, die Künstlerin verwendet ausschließlich gebrauchte Spiegel, die sie im Internet oder über Bekannte kauft. Hier werden sie von Spanngurten gehalten, stürzend im 60-Grad-Winkel. Der Betrachter blickt auf Fragmente, nur eben auf eine viel direktere Reflexion des Selbst, nicht auf malerische Sinnbilder. Das eigene Abbild ausblendend, lässt dies aber auch Blicke auf Landkarten, ganze Erdteile oder Eisschollen zu, nur eben nicht auf ein vollständiges Ganzes. Vergeblich sucht man diese Vollständigkeit auch im größten Werk der Ausstellung, dem „Kleinen All“, wie Susanne Ramolla es nennt. Aus einem einzelnen Bild im A3-Format entstand durch viele, wie in einem Puzzle aneinandergesetzte Blätter ein meterlanges Bildwerk, das kein Ende zu finden scheint. Es besteht aus Elementen der Naturwissenschaften, aus Samenkapseln, Pflanzen, Zellen. Wie ein Lebewesen ist es gewachsen.

 

Die Werke der beide Künstlerinnen ergänzen sich

Spätestens hier lässt sich feststellen, in welch fließender Ausstellungskomposition sich der Besucher befindet: In ihrer Fragilität und Suche nach dem Körperlichen ergänzen sich die Arbeiten der beiden Frauen bis ins Detail. Sie lassen dabei viel Platz für die Erkenntnis, dass kein Wesen, keine Form als etwas Einzelnes betrachtet werden kann. Immer gibt es etwas, das gerade nicht im Sichtfeld ist – und das, was sichtbar ist, ist nur Teil eines Ganzen. Auch in der Technik scheinen sich die Künstlerinnen zu treffen. Beide machen Räume auf und reduzieren diese zugleich wieder: Alex Lebus nimmt der Reflexion Fläche, die Paare von Susanne Ramolla drücken auf minimalistischste Weise ihre Schatten und Lichtseiten aus.

Unbefriedigt verlässt man diese Ausstellung trotz der vielen und sehr bewusst gesetzten Lücken am Ende nicht – gerade weil die Suche bleibt. Es bleibt der Eindruck, dass die Werke der beiden Künstlerinnen eine Heimat in ihrem Zusammenspiel gefunden haben.
 

Alex Lebus & Susanne Ramolla: „Paare & Passanten“ im Kunstraum Potsdam in der Schiffbauergasse 4d.

April 2017
 

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Susanne Ramolla und Alex Lebus zeigen in der Galerie „Kunstraum“ unter dem Titel „Paare und Passanten“ ihre Auslegung von Heimweh und Zerbrechlichkeit. Sie arbeiten handwerklich vollkommen unterschiedlich, Ramolla mag die kolorierte Poesie, Lebus die Vieldeutigkeit der Spiegel, aber am Ende wissen sie: Die Welt ist düster, doch im besten Falle zeigt sie das mit Eleganz.

Von Lars Grote

 

Vielleicht steckt in dem Bild Physik, Chemie, Botanik, irgendein Zweig der Wissenschaften, dem man nicht gleich Gefühle unterstellt. Und doch findet man ein Gedicht in diesem Bild, das übergroß im „Kunstraum“ hängt, der Galerie des Waschhauses. So hätte man sich früher seine Schulbücher gewünscht: halb faktensicher, halb verträumt – und unterm Strich steht eine Form von Wahrheit, die über Formeln und nacktes Naturverständnis hinausweist.

Susanne Ramolla, 1967 in Cottbus geboren und nun in Potsdam zu Hause, hat die hohe Wand des Kunstraumes fast flächendeckend bespielt – es wirkt wie Maßarbeit. Und doch ist diese Arbeit anderswo entstanden, im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf (Teltow-Fläming). Ramolla hat noch einen guten Meter in der Breite angefügt, schon wirkt es, als akklimatisiere sich das Bild perfekt in Potsdam. „Kleines All“ heißt das Gemälde, es ist ein Wimmelbild mit offenem Ausgang. Implodiert es gleich? Oder hält es unbeirrt die Stellung?

Teilchenverbindungen erkennt man, strenge Anordnungen, die poetisch koloriert sind und letztlich so etwas wie Emotionen illustrieren. Es ist ein Bild, das wuchert, denn es wirkt grenzenlos, und wenn es hier vier Wochen hängt, dann kann es sein, dass es die Galerie ganz in Besitz genommen hat. Nicht im biologischen Sinn, aber im poetischen.
 

Titel wie aus einem alten russischen Roman

„Der Zufall und ich, wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Ramolla, sie schaut dabei auf ihre kleinen Arbeiten, klein zumindest im Vergleich zum „Kleinen All“. Sie hat Klavierlack ausgekippt, oder sagen wir: Sie hat ihm freien Lauf gelassen. 

Es sind Formen entstanden, die zufällig wirken, aber auch weise und formvollendet. Sind das Köpfe, Schultern, Bäuche, Brüste? Auf eine hintersinnige, dem Humor verwandte Weise wird das stimmen. Susanne Ramolla aber hat andere Titel gewählt: „Wucherungen I-III“, „Heilige Familie“, „Einbein“, „Denker“, „Kopfloser“, „Nonne“, „Krieger“. Namen, die wie aus einem alten russischen Roman entnommen sind. Die Serie heißt Schattengänger, „sie zeigt die dunkle Seite des Ich“, urteilt Ramolla, „Instinkte und Defizite werden sichtbar, in jeder Persönlichkeit stecken diese dunklen Ecken.“ Selten sind sie so mühelos, glänzend und suggestiv wie bei Ramolla gezeigt worden, die Bilder wirken reduziert und sinnlich.

Hat auch Heimweh eine dunkle Seite? Eher eine traurige, verhaltene, die süß, nicht dunkel schmeckt. Auch dieses Heimweh steckt derzeit im Kunstraum, man muss es suchen und findet es, wenn man die Wendeltreppe hochsteigt, ins Obergeschoss, wo man hinabschaut ins Parterre. Dort liegen kleine Spiegel, Fragmente, wie eine Trasse formen sie sich auf dem Boden, als würden sie den Heimweg weisen, der das Heimweh stillt. Wer genau hinsieht, erkennt „Heimweh“ als Wort, dunkel auf dieses Inselreich aus Spiegeln geschrieben.
 

Die Liebe kommt zur Ruhe, wenn sie sich nicht mehr verstellen muss

Der Spiegel ist das Metier der zweiten Künstlerin, die momentan im „Kunstraum“ ausstellt. Alex Lebus, 1980 geboren, füllt mit ihrer Heimweh-Arbeit den Titel „Paare und Passanten“, den Kurator Mike Gessner der Ausstellung gegeben hat. Es ist die Variante eines Romans von Botho Strauß, dessen Buch „Paare, Passanten“ heißt. Strauß hat dort eine Sammlung kleiner Episoden versammelt, die als Ganzes eine Sehnsucht formulieren – die Hoffnung der Liebenden, zusammenzufinden. Das erinnert in Form und Inhalt an die Arbeit von Lebus, die in gleichem Maße fragmentarisch arbeitet und einstimmt in den Chor der unerfüllten Liebe, die man stets übersetzen kann mit „Heimweh“. Auch die Liebe kommt erst dann zur Ruhe, wenn sie heimkehrt an den Ort, wo sie sich nicht verstellen muss.

Alex Lebus arbeitet in ihrer Kunst „zu etwa 90 Prozent“ mit Spiegeln, sagt sie. In Teilen werden die Spiegel abgekratzt, stellenweise sind sie blind. Wenn man hineinschaut, sieht man sich in der Reflexion nicht mehr komplett, sondern zerlegt und unvollständig. „Das Dahinter ist dann genau so wichtig wie das Davor“, sagt Alex Lebus, „nur das Kunstwerk selbst ist nicht zu greifen“ – es übernimmt die Rolle der Mittlerin und verschwindet im Auge des Betrachters.

„Wir sind alle gebrochen, doch zerfallen nicht in einzelne Teile, sondern bleiben eins“, erläutert Alex Lebus ihren Ansatz. Ihr Werke atmen dieselbe düstere, verführerische Aura, wie es Susanne Ramolla mit ihren Bildern gelungen ist, wenn auch handwerklich mit völlig anderen Mitteln. Zwei Ansätze, ein Resümee: Die Welt ist düster, doch in ihren besten Augenblicken zeigt sie Eleganz.